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Geschichte
Ostpreußens -I-
Von den ältesten Bewohnern Das
Land entlang der Ostseeküste zwischen Weichsel und Memel ist in
frühgeschichtlichen Zeiten niemals Siedlungsgebiet slawischer
Stämme gewesen.
Sicher wissen wir, dass sich in den Jahrhunderten vor und nach Christi
Geburt
im unteren Weichselgebiet, nach Osten bis etwa zur Passarge, Goten und
im Süden
Ostpreußens, in der Gegend von Neidenburg/Soldau, Vandalen
ausgebreitet hatten.
Diese germanischen Stämme zogen in der Zeit der großen
Völkerwanderungen (etwa
ab 200 n. Chr.) nach Süden ab. Im übrigen Ostpreußen
saß um diese Zeit ein
Volk, das der baltischen Volksgruppe, einem Zweig der großen
indogermanischen
Sprach- und Völkergemeinschaft, angehörte. Die baltische
Volksgruppe begann
sich allmählich in Völker und Stämme zu gliedern, so in
Litauer, Letten, Kuren
und Prußen. Letztere wohnten im späteren Ostpreußen.
Griechische, römische und
angelsächsische Berichterstatter nannten sie zunächst
Aestier, Easten, später
Brus, Borussi, Pruteni, in späteren Chroniken werden sie als Brus,
Pruzzi,
Prusci, Prutones bezeichnet. Sie wurden im Gegensatz zu den
germanischen
Stämmen nicht von der Völkerwanderung erfaßt und
breiteten sich nach Westen hin
bis zur Weichsel aus. Das
Prußenterritorium gliederte sich nach deren „Klans“ in elf Gaue,
deren
altpreußische Namen sich bis in die Gegenwart erhalten haben:
Pomesanien,
Pogesanien, Natangen, Nadrauen, Samland, Sudauen, Galinden, Warmien,
Sassen,
Schalauen und Barten. Ihre Sprache kennen wir aus den zahlreichen
erhalten gebliebenen
Orts- und Personennamen, aus dem „Elbinger Vokabular“, einem 800
Wörter
umfassenden Verzeichnis mit deutscher Übersetzung, und der in der
Zeit des
Herzogs Albrecht angefertigten Übersetzung des lutherischen
Katechismus in die
prußische Sprache. Die
Mehrzahl der Prußen lebte als ein dienender Stand unter einem
grundbesitzenden
Adel, den Kunigas; diese leiteten auch die öffentlichen
Angelegenheiten ihres
Stammes. Die Prußen kannten ursprünglich keinen obersten
Gott. Von ihnen wurde
die ganze Schöpfung als Gottheit verehrt, insbesondere die Sonne,
der Mond, die
Sterne, der Donner, die Vögel und die Pferde. Allmählich
scheint sich dann bei
den Prußen auch die Vorstellung einiger weniger Gottheiten
herausgebildet zu
haben. Die Götternamen Perkunos, Natrimpe oder Patrimpe und
Patollu sind
überliefert, wenn auch die Namensformen schwankten. Seit dem 9.
Jahrhundert
wurden die Prußen durch die Wikinger bedrängt. Polen und
Russen versuchten, das
Prußenland seit etwa 1000 in Besitz zu nehmen. Eine christliche
Mission
scheiterte. Adalbert von Prag wurde 997 von den Prußen
erschlagen, desgleichen
1009 Bruno von Querfurt. Die
ungefähr ab 1200 von polnischer Seite durchgeführten Versuche
kriegerischer
Christianisierung der Prußen wurden von diesen wiederholt
abgewehrt. Im
Gegenangriff vertrieben die Prußen die Missionare aus ihrem Land,
ja sie
eroberten sogar das Kulmerland und behielten es in Besitz. Von hier aus
griffen
sie das Gebiet des polnischen Teilfürstentums Masowien an und
verwüsteten große
Teile seines Landes. Im
Winter 1225/26 rief Konrad von Masowien den Deutschen Orden zu Hilfe,
der 1198
in Palästina aus einer Hospitalgenossenschaft als geistlicher
Ritterorden mit
Missionsverpflichtung entstanden war. Der Ordenshochmeister Hermann von
Salza
nahm den Ruf an. Kaiser Friedrich II. und Papst Gregor IX. billigten
die neue
Aufgabe des Ordens und statteten ihn mit Rechten und Privilegien aus
(Goldene
Bulle von Rimini 1226, Bulle von Rieti 1234). Auch Herzog Konrad gab
dem Orden
seinen Auftrag (Vertrag von Kruschwitz 1230). Danach wurde der Orden
Herr des
Kulmer Landes und der Teile des Prußenlandes, die er dem
Christentum gewinnen
würde. Diese Gebiete nahm der Papst in das Eigentum des Heiligen
Stuhles und
verlieh sie dem Orden zu ewigem freien Besitz. Der Orden wurde damit im
Auftrag
der höchsten Autoritäten der damaligen Welt mit dem
Prußenland betraut. Kaiser
und Papst waren nach damaliger Anschauung berechtigt, über
heidnisches Gebiet
zu verfügen. -II-
Eroberung und Besiedlung Die
Anlage von Burgen und eine planmäßige deutsche Besiedlung
folgte. Der Orden
setzte im Frühjahr 1231 über die Weichsel, gründete die
Burg Thorn, folgte dem
Fluß über Kulm im Jahre 1232, über Marienwerder im
Jahre 1233 bis zur
Abzweigung der Nogat. Er folgte dann der Nogat bis zum Haff und
errichtete 1237
die Burg Elbing, 1239 die Burg Balga und 1241 die Burg Braunsberg. Von
dieser
Burgenlinie aus stieß der Orden in das Innere des Landes vor und
eroberte die
fünf prußischen Gaue Pomesanien, Pogesanien, Ermland,
Natangen und Barten. Nach
einem Prußenaufstand 1243 und nach mehrjährigen Kämpfen
kam im Februar 1249 der
Friede von Christburg zustande, in dem die pomesanischen Prußen
Vertragspartner
des Ordens waren und gegen die Verpflichtung, sich zum Christentum zu
bekennen
und die Herrschaft des Ordens anzuerkennen, alle persönlichen
Rechte erhielten. Im
Jahre 1255 wurde die Burg Königsberg als „castrum de Coningsberg“
gegründet,
die ihren Namen zu Ehren des Königs von Böhmen, Ottokar II.,
erhielt, der im
selben Jahr ein böhmisches Kreuzheer nach Preußen
geführt und das Samland
unterworfen hatte. In den 70er Jahren befriedete der Orden die
Randlandschaften
Schalauen, Nadrauen und Sudauen. Im Jahre 1283 kamen die Eroberungen zu
einem
Ende. Der Orden hatte nun die Aufgabe, das Erworbene zu sichern und
einen Staat
aufzubauen. Die
Christianisierung des Prußenlandes durch den Deutschen Orden war
kein
isoliertes Unternehmen, schon gar nicht der Vollzug einer
national-deutschen
Aggression. Während die Skandinavier Finnland missionierten, taten
die Dänen
dies in Estland, Bremen engagierte sich in Riga, und der
Schwertbrüderorden
wurde in Livland eingesetzt. An der Eroberung und an den folgenden
Kämpfen
gegen die Litauer beteiligten sich Fürsten, Ritter und Kreuzfahrer
aus vielen
europäischen Völkern. Zu Unrecht wird dem Deutschen Orden
zuweilen vorgeworfen,
die einheimische prußische Bevölkerung ausgerottet zu haben.
Sicher waren die
Opfer nicht unbeträchtlich. Den Interesse des Ordens, der in dem
eroberten Land
einen Staat gründen wollte, konnte es aber nicht dienlich sein,
ein leeres Land
in Besitz zu nehmen. Auch seine missionarische Aufgabe, die
prußischen Heiden
zum Christentum zu bekehren, verbot es, sie als auszurottende Feinde zu
betrachten. Dass eine vollständige Ausrottung der Prußen
nicht erfolgt ist,
beweisen Urkunden, aus denen sich die Einsetzung von Prußen in
Hofstellen
ergibt. Belegt wird dies auch durch die Vielzahl von prußischen
Orts- und
Personennamen und die Tatsache, dass sich die prußische Sprache
bis in das 17.
Jahrhundert erhalten hat. Noch zur Zeit Herzog Albrechts, Anfang des
16.
Jahrhunderts, sah man sich genötigt, den lutherischen Katechismus
in die
prußische Sprache zu übersetzen. Nicht
allein das Schwert, sondern auch die kolonisatorische Kraft des Ordens
führte
zu einem großen Aufschwung des Landes. Besondere
Begünstigungen - kostenlose
Zuweisung von Land, Saatgut und Vieh, längerfristiger Steuererlass
sowie
Befreiung von Hand- und Spanndiensten gegenüber den Adels- und
Klostergütern -
lockten viele Bauern und Bürger zum Siedeln in den neu gewonnenen
Nordosten;
Kolonisten aus den Hansestädten und vom Niederrhein, Siedler aus
der
nordostdeutschen und ostmitteldeutschen Landschaft verleihen dem
Prußenland
oder Preußenland allmählich sein deutsches Gepräge. Bis
zum Ende des 14.
Jahrhunderts wurden im Ordensland etwa 1400 Dörfer und 97
Städte gegründet. Die
Städte an der Küste erhielten Lübisches und die im
Inland Magdeburgisches Recht
während die Bauern mit einer freien Gemeindeverwaltung nach Kulmer
Recht
ausgestattet wurden. -III-
Der Ordensstaat Die
Organisation des Staates muss für die damalige Zeit als
vorbildlich und
einmalig bezeichnet werden. An der Spitze des Ordens stand der
Hochmeister. Die
Zentralregierung: der Großkomtur als Vertreter des Ordens, der
oberste Marschall,
der das Kriegswesen beaufsichtigte, der oberste Treßler, der die
Ordenskasse
verwaltete, der oberste Trapier und der oberste Spittler. Die
örtliche
Verwaltung des Landes beruhte auf den Komtureien. An der Spitze der
Komturei
stand jeweils ein Komtur. Zur Verwaltung des Landes wurden ferner
Vogteien
eingerichtet. Es ist hier nicht der Raum, auf die mustergültige
Finanzwirtschaft, das vollkommen neuartige Briefbeförderungssysem,
die
vorbildliche Krankenpflege, die Förderung der geistigen Bildung
durch Einrichtung
von Pfarr-, Dom- und Stadtschulen oder das Erblühen eine
unverwechselbaren
Baukultur einzugehen. Fest steht jedoch, um mit Fritz Gause zu
sprechen, dass
das Ordensland Preußen einer der seltsamsten und
großartigsten Staaten war, die
Menschengeist jemals hervorgebracht hat, kirchlich und weltlich
zugleich,
ritterlich und bürgerlich, deutsch und europäisch. Es war das
im besten Sinne
Modernste, was Menschen im Mittelalter überhaupt geschaffen haben. Neben
dem Aufbau des neuen Staates nahmen während des 14. Jahrhunderts
den Deutschen
Orden die ständigen Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn in
Anspruch, so
der Streit mit Polen um das Kulmerland und Pommerellen, Kämpfe mit
den zum
Heidentum zurückgekehrten Litauern sowie eine langjährige
Fehde mit dem
Erzbischof von Riga. Durch den Vertrag zu Kalisch im Jahre 1343, in dem
der
König von Polen, Kasimir der Große, endgültig auf alle
Ansprüche auf
Pommerellen und das Kulmerland verzichtete, konnte der Streit mit Polen
beendet
und der Frieden wiederhergestellt werden. Er sollte aber nur 66 Jahre
erhalten
bleiben. Nachdem der Großfürst Jagiello von Litauen 1386 den
christlichen
Glauben angenommen, die polnische Königin Hedwig geheiratet und
selbst König
von Polen geworden war, stand dem Orden in dem vereinigten
Litauen-Polen eine
neue Großmacht gegenüber. Am 15. Juli 1410 erlag das
Ordensheer der Übermacht
der litauisch-polnischen Heerscharen in der verlustreichen Schlacht von
Tannenberg. Um
nochmals Gause zu zitieren, war die Schlacht kein Kampf zwischen
Völkern oder
gar zwischen Rassen, sondern zwischen zwei Staaten, die politische
Gegner
waren, aber derselben Kirche und demselben Kulturkreis angehörten. Bedrückender
als die Niederlage selbst war die durch sie enthüllte innere
Schwäche des
anscheinend so fest gefügten Ordensstaates. Sie wurde offenkundig
durch den
Verrat der Kulmer Landesritter am Ende der Schlacht und vollends durch
den
plötzlichen Abfall der Bischöfe, Städte und Adligen von
der Ordensherrschaft.
Der kühne Entschluss des Schwetzer Komturs Heinrich von Plauen
rettete zwar die
Marienburg, das Herz des Staates, und damit den Staat selbst, aber auch
der
glimpfliche Erste Thorner Frieden von 1411, der nur zu unbedeutenden
Gebietsverlusten führte, konnte die innere Brüchigkeit des
Staates nicht verdecken. Der
Orden war fähig gewesen, das Land zu erobern. Er hatte es auch
besiedeln und
aus ihm einen Staat formen können, aber er konnte diesen Staat auf
die Dauer
nicht halten, da in der Folge der Generationen aus dem Lande selbst
Kräfte
erwuchsen, die zur Mitverantwortung drängten. Die Bewohner des
Ordensstaates
fühlten sich als Eingesessene, als Preußen, und sahen die
Ordensherren als
Landfremde an. Der Orden wiederum wäre seinem inneren Gesetz
untreu geworden,
wenn er die Landstände, Adel und Städte zur Mitregierung
zugelassen hätte. Es
war ihm auch nicht möglich, sich aus dem Lande zu ergänzen,
sondern nur aus
seinen Balleien in Deutschland. So konnte er keine ihm und den
Preußen
gemeinsame Staatsidee finden. Die in Preußen schwelende
Unzufriedenheit wurde
verstärkt durch die Geldnot des Ordens, die erstmals die Erhebung
von Steuern
notwendig machte, und durch äußere Schwierigkeiten, Klagen
der Polen auf dem
Konstanzer Konzil und einen neuen Krieg. Dieser endete 1422 mit dem
Frieden am
Melnosee, in dem die Grenze gegen Litauen festgelegt wurde, nachdem die
Südgrenze gegen Polen schon 1343 gezogen worden war. Beide haben
bis 1919 bzw.
1945 bestanden und gehören zu den dauerhaftesten Grenzen Europas. Mit
dem am 14. März 1440 gegründeten „Preußischen Bund“ des
Adels und der Städte
entstand dem Orden auch im Innern ein starker Gegner. Im Februar 1454
empfing
König Kasimir IV. in Krakau eine Gesandtschaft des Bundes, die ihm
die
Schutzherrschaft über das Preußenland antrug. Unter
Verletzung des Friedens vom
Melnosee gliederte dieser daraufhin im sog. Korporationsprivileg vom 6.
März
1454 durch einen einmaligen Akt ganz Preußen der Krone Polens
ein. Die
Schutzherrschaft bedeutete jedoch nicht, dass sich die Preußen
zum Polentum
bekannt hätten. Man suchte sich nur einen neuen Herrn und fand
ihn, da Anfragen
bei anderen nicht zum Erfolg führten, im polnischen König,
der mehr Autonomie
zu geben bereit war als der Orden. Die Polen strebten allerdings nicht
danach,
aus den abgefallenen Bewohnern des Ordenslandes polnische Untertanen zu
machen,
die die polnische Sprache zu sprechen hatten, so dass von einer
Fremdherrschaft
keine Rede sein konnte. So blieb auch Danzig eine deutschsprachige
Stadt. Am
22. April 1454 erklärte der polnische König dem Hochmeister
den Krieg. Mit dem
gleichzeitigen Aufstand des Preußischen Bundes begann eine
dreizehnjährige
militärische Auseinandersetzung. Im September 1454 brachte ein vom
Orden
aufgebautes Söldnerheer dem König Kasimir IV. von Polen in
der Schlacht bei
Konitz eine schwere Niederlage bei. Die Schwäche des Ordens war
jedoch seine
Finanzknappheit, so dass man nicht in der Lage war, die Söldner zu
bezahlen.
Die Bürger trugen die großen Burgen in Thorn, Elbing und
Danzig ab, da sie in
ihnen Zwingburgen gegen ihre städtische Freiheit sahen. In
Königsberg hingegen
empörte sich die ordensfreundliche Handwerkerschaft gegen den
Preußischen Bund,
so dass die Burg als Bauwerk erhalten blieb. Der Hochmeister
verpfändete 1455
den Söldnern die Marienburg, da er den Sold nicht zahlen konnte.
Diese
übergaben sie 1457 dem Polenkönig. Auch sie blieb als Bauwerk
erhalten. Der
Hochmeister Ludwig von Erlichshausen musste fliehen und kam nach
Königsberg,
das 1457 Residenz der Hochmeister wurde. Schließlich
brach der Orden endgültig zusammen. Im zweiten Thorner Frieden vom
19. Oktober
1466 musste der Orden herbe Gebietsverluste hinnehmen. Preußen
wurde gespalten
und der westliche Teil - gemeint ist das Kulmerland, Pommerellen, die
Michelau
und die Gebiete Christburg, Marienburg, Stuhm und Elbing sowie das
Bistum
Ermland - an die Krone Polen abgetreten. Die Landesteile wurden
autonome
Gebiete der Krone Polens. Die restlichen Gebiete verblieben dem
Hochmeister. Im
übrigen musste Preußens Hochmeister die Oberhoheit des
polnischen Königs
anerkennen, ohne dass damit ein Lehnsverhältnis verbunden war. Der
Friedensvertrag erlangte niemals volle Rechtswirksamkeit. Kaiser und
Papst
weigerten sich, den Thorner Frieden anzuerkennen und der Deutschmeister
und der
Landmeister gaben nicht die juristisch notwendige Zustimmung. Die
verfassungsrechtliche Lage ändert nichts daran, dass der Zweite
Thorner Frieden
für 300 Jahre die Teilung des Preußenlandes bedeutete und an
die Stelle des
Kaisers der König von Polen trat. Der Thorner Frieden hatte aber
auf die
ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung keine Auswirkung.
Mehrheitlich war
das Gebiet mit Deutschen besiedelt. Sprache, Kleidung, Sitte, Recht und
Lebensart waren deutsch. Der Orden holte Polen aus Masowien und Litauer
in das
Land, um die Wildnis zu besiedeln. Es kamen auch politische
Flüchtlinge, da der
Orden die Auslieferung solcher Flüchtlinge als unmenschlich
ablehnte. Diese
Menschen fügten sich der Ordnung des Staates, in dem sie - im
Gegensatz zu
ihrer Heimat - Freiheit genossen, und zu Preußen wurden. -IV-
Reformation und Herzogtum Auch
in der Zeit nach dem Zweiten Thorner Frieden blieb das Verhältnis
zwischen dem
Deutschen Orden und Polen von Konflikten belastet. In Erkenntnis seine
Schwäche
versuchte der Orden sein Land dynastisch mit dem Reich zu
verknüpfen, indem er
die Hochmeisterwürde auf Sprösslinge deutscher
Fürstenhäuser im Mutterland
übertrug. Erstes Ergebnis solchen Bemühens war die Wahl des
Herzogs Friedrich
von Sachsen aus dem Geschlecht der Wettiner im Jahr 1498 zum
Ordens-Hochmeister
sowie nach dessen Tod im Jahr 1510 die Wahl des Markgrafen Albrecht von
Brandenburg-Ansbach aus der fränkischen Linie der Hohenzollern.
Das war der
Beginn der Verbindung des Begriffs Preußen mit der Dynastie
Hohenzollern.
Albrecht war ein mutiger Mann. Vom Reich zunächst ermutigt,
riskierte der
Hohenzoller im Jahre 1519 den offenen Kampf gegen den polnischen
König
Sigismund, der übrigens der Bruder seiner Mutter und somit sein
Onkel war. Der
von Albrecht begonnene so genannte Reiterkrieg, der 1520
hauptsächlich im Ermland
und im Weichselgebiet tobte, brachte zwar keinen militärischen,
wohl aber einen
politischen Erfolg. Nach vierjährigem Waffenstillstand kam es am
8. April 1525
zum Frieden von Krakau. Dieser entließ zwar Ostpreußen
nicht - wie erstrebt -
aus polnischen Lehensgewahrsam, doch gestattet er Albrecht im Rahmen
der
politischen Gesamtkonstellation, den Schachzug einer
Staatsveränderung zu
wagen, zu dem ihm auch der Reformator Martin Luther geraten hatte. Dieser
Akt, der der Verfassung des Landes einen völlig neuen,
außerordentlich
anpassungsfähigen Charakter verlieh, hieß: Umwandlung des
geistlichen
Ordenslandes in ein zwar zur Zeit noch Polen lehnbares, trotzdem aber
schon
verbrieft protestantisches erbliches weltliches Herzogtum. Damit
war praktisch auch der von Albrecht gehegte Wunsch, zum Luthertum
überzutreten
und den Ordensstaat zu säkularisieren, legalisiert. Schon vorher
hatte die
Reformation im Ordensland Fuß gefasst. So wurde das Ende der
Ordensherrschaft
im Land begrüßt, und mit ihrem Herzog traten die meisten
seiner Untertanen zum
evangelischen Glauben über, während nur das Ermland
katholisch blieb. Auch die
meisten Ordensritter stimmten der Umwandlung in ein weltliches
Herzogtum zu und
legten ihren weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz ab. Wenig
bewusst war den Zeitgenossen die Abhängigkeit von der Krone Polen,
die bis 1657
(Vertrag zu Wehlau) dauerte. Der Herzog blieb unbeschadet seines
Lehnsverhältnisses zum Polenkönig deutscher Reichsfürst,
und wenn sich der
Lehnsherr in die Angelegenheiten Preußens einmischte, so geschah
das weniger
aus nationalen als auch ständischen Motiven. Der Charakter des
Landes blieb
unverändert. Eine volle Union mit Polen, wie sie Litauen 1569
schloss und wie
sie Westpreußen in demselben Jahre unter Bruch der Verträge
aufgezwungen wurde,
blieb dem Herzogtum erspart. Viel
augenfälliger als der Wechsel des politischen Status war für
die Menschen die
Einführung der Reformation. Das Luthertum wurde Staatsreligion,
aber der
konfessionelle Einheitsstaat, sonst das Ideal der Zeit, hat in
Preußen nie
bestanden. Böhmische Brüder, calvinistische Holländer
und später auch
Mennoniten fanden in Preußen Zuflucht und konnten dort,
geschützt von der
Regierung, ihrem Glauben leben, und dasselbe galt auch für die
Katholiken,
denen Glaubensfreiheit zugesichert war. Die nationale Toleranz war
selbstverständlich in dieser Zeit. Die konfessionelle Toleranz,
die
Religionsfreiheit, musste gegen Eiferer in allen Lagern vom Landesherrn
durchgesetzt werden. Sie wurde in Preußen verwirklicht als ein
Gebot der
Staatsführung, der politischen Klugheit, lange bevor sie in der
Philosophie der
Aufklärung ein weltanschauliches Fundament erhielt. Im
Jahre 1618 fiel das Herzogtum an die brandenburgischen Hohenzollern.
Der
Erbfall trat durch den Tod des Sohnes von Herzog Albrecht ein. Seitdem
war
Preußen mit Brandenburg in Personalunion vereint. Versuche
Polens, die
Übernahme der Herrschaft zu stören, endeten, als Brandenburg
Polen 1627 ein
Hilfskorps zur Abwehr des schwedischen Angriffs zur Verfügung
stellte. Mitte
des 17. Jahrhunderts wurde das Herzogtum Preußen, das bis dahin
von dem in
Europa wütenden 30jährigen Krieg verschont geblieben war, in
die
schwedisch-polnischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Durch
geschicktes
Paktieren mit beiden Gegnern wusste der Große Kurfürst aber
deren Konflikt zu
nutzen. So erreichte er, dass er sowohl die Oberlehnshoheit des
polnischen als
auch des schwedischen Königs, die er im Januar 1656 hatte
anerkennen müssen,
abschütteln konnte. Durch den Vertrag von Labiau erkannte der
König von
Schweden 1656 die Souveränität des Kurfürsten in ganz
Preußen an, durch den
Vertrag zu Wehlau gestand der Polenkönig ihm 1657 die
Souveränität in Preußen
ohne das Ermland zu. Diese wurden dann auch im Frieden von Oliva 1660
von den
damaligen großen europäischen Mächten endgültig
anerkannte und verbürgt. Friedrich
Wilhelm II., der Große Kurfürst, war der eigentliche
Gründer des Preußenstaats.
Im Innern beseitigte er vor allem in Ostpreußen die ständige
Opposition der
Landstände und ihre Gegenregierung sowie die Sonderrechte der
Provinzen,
schaffte die Basis für die absolute Macht der Krone und begann den
Staat zum
einheitlichen Ganzen zu verschmelzen. Wie die preußische Armee
und Marine, so
verdankt auch das preußische Beamtentum dem Kurfürsten sein
eigentliches
Werden, und auf sein Wirken geht auch die mustergültige
altpreußische
Finanzverwaltung zurück. -V-
Im 18. und 19. Jahrhundert Eigentliche
Keimzelle des Königreichs Preußen wurde der verweltlichte
Ordensritterstaat im
Jahre 1701 durch die Krönung des Kurfürsten Friedrich III.
von
Brandenburg-Hohenzollern, der aus machtpolitischen Gründen eine
auf das
souveräne Herzogtum Preußen begründete
Königswürde angestrebt hatte. Am 18.
Januar 1701 setzte sich der Kurfürst und Preußenherzog in
Königsberg als
Friedrich I., König in Preußen, die Krone aufs Haupt. Die
Regierung seines Sohns Friedrich Wilhelm I., des nachmaligen
„Soldatenkönigs“,
war für die weitere Entwicklung Brandenburg-Preußens von
entscheidender
Bedeutung: Sie erhob diesen Staat in den Rang einer hinsichtlich seiner
Militär-, Finanz- und Verwaltungseinrichtungen für ein ganzes
Jahrhundert
beispielhaften europäischen Großmacht. Sie sorgte auch
dafür, dass Ostpreußen
von früheren Kriegsschäden wiederhergestellt und dessen
Ackerbau und Landeskultur
nachhaltig gefördert wurden. Der „Soldatenkönig“ siedelt 1722
bis 1740 viele
Kolonisten, darunter alleine 15000 vertriebene Salzburger Protestanten,
in
seinen von Krieg und Pest stark entvölkerten östlichen
Provinzen an. Die
religiöse Duldsamkeit des Königs trug dazu bei, eine
große Zahl in ihrem
Glauben Bedrängter aus den verschiedensten Gegenden des Reiches
und ganz
Europas in preußischem Siedlungsgebiet eine neue Heimat finden zu
lassen. Sein
Sohn Friedrich II., später der Große genannt, erbte ein
durch Verwaltung
einheitliches, aber räumlich getrenntes Staatsgebiet. Durch
die zwischen Rußland, Österreich und Preußen 1772
beschlossene so genannte 1.
polnische Teilung wurde das Ermland und die 1466 vom Ordensland
abgetrennten
Gebiete Westpreußens, 1793 durch die 2. polnische Teilung auch
Danzig und Thorn
nach 300jähriger polnischer Oberherrschaft wieder mit
Preußen vereinigt. Das
Ermland und die Städte wie Danzig und Elbing waren bis zu dieser
Zeit fast
vollständig, die übrigen Gebiete etwa zur Hälfte
deutschsprachig geblieben. Im
Zuge der ersten polnischen Teilung von 1772 setzten sich auch die
Provinznamen
Ostpreußen und Westpreußen als amtliche Bezeichnungen durch. Ostpreußen,
auf dessen Boden seit der russischen Besetzung während des
7jährigen Krieges
kein Feind mehr seinen Fuß gesetzt hatte, wurde in den
Napoleonischen Kriegen
wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen, unter denen das
Land
schwer zu leiden hatte. Im Februar 1807 trennten sich die
preußischen und
französischen Armeen in der Schlacht von Preußisch-Eylau
unentschieden, während
im Juni bei Friedland die mit Preußen verbündeten Russen von
Napoleon
geschlagen wurden. 1812 zogen wiederum französische Truppen durch
Ostpreußen
gen Rußland und ein Jahr später als Geschlagene nach Westen
zurück. In
Ostpreußen wurde durch die mutige Tat des preußischen
Generals v. Yorck, der
gegen den Willen seines Königs in der Konvention von Tauroggen mit
den die
Franzosen verfolgenden Russen einen Waffenstillstand schloss und die
ostpreußischen Stände mit Erfolg zu den Waffen gegen die
Franzosen rief, das
Signal zum Beginn des Befreiungskampfes gegen Napoleon gesetzt. Die
Franzosen
mussten Ostpreußen verlassen. Es
folgten über 100 Jahre des Friedens. Während des Ersten
Weltkrieges wurde durch
den Einmarsch der Russen Ostpreußen zeitweilig Kriegsgebiet.
Russische Truppen
besetzten die Gebiete um Tilsit, Insterburg, Gumbinnen und Lötzen.
Nach dem
amtlichen Bericht des Reichsarchivs aus dem Jahre 1925 wurden in den
ersten
vier Wochen des Russeneinfalls 1.620 Zivilpersonen getötet, 433
verwundet und
über 10.000 verschleppt. Von den 2,5 Millionen Einwohnern
östlich der Weichsel
verließen mehr als 800.000 ihre Heimat, etwa 400.000 von ihnen
flohen bis über
die Weichsel. Über 100.000 verloren Hab und Gut, 34.000
Gebäude wurden
zerstört. Erst
durch die von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und seinen
Generalstabschef Erich Ludendorff genial geführten Schlachten von
Tannenberg
(23.-31.8.1914), an den Masurischen Seen (5.-15.9.1914) und im
Winterfeldzug in
Masuren (4.-22.2.1915) konnte Ostpreußen von den Russen befreit
werden. -VI-
Von Versailles bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Das
Ende des Krieges brachte für West- und Ostpreußen
schicksalhafte Veränderungen:
Große Teile Westpreußens, Danzig, die ostpreußische
Stadt Soldau und das
Memelgebiet wurden aufgrund des Versailler Vertrages ohne
Volksabstimmung vom
Deutschen Reich abgetrennt und - außer Danzig, das zur „Freien
Stadt“ wurde,
und dem Memelgebiet, das ein Freistaat werden sollte und 1923 von
Litauen
annektiert wurde - dem 1916 wieder gegründeten polnischen Staat
übertragen. Für
andere Teile Westpreußens östlich der Weichsel und Nogat
sowie das südliche
Ostpreußen bestimmte der Versailler Vertrag, dass die
Bevölkerung durch eine
unter internationaler Regie stehende Volksabstimmung kundtun sollte, ob
sie in
Zukunft zu Polen oder zum Deutschen Reich gehören wollte. Im
westpreußischen
Abstimmungsgebiet bekannten sich 92,42% für die Zugehörigkeit
zu Ostpreußen und
damit zu Deutschland und 7,58% zu Polen, in dem ostpreußischen
Abstimmungsgebiet 97,86% für Deutschland und 2,14% für Polen.
In diesem
Zusammenhang sei der vom polnischen Volk noch heute verehrte Marschall
Josef
Pilsudski (1918-1922 polnischer Staatschef, 1926-1928 und 1930/31
polnischer Ministerpräsident)
zitiert, der gegenüber dem damaligen deutschen Außenminister
Gustav Stresemann
am 10.12.1927 erklärte: „Ostpreußen ist ein unzweifelhaft
deutsches Land. Das
ist von Kindheit an meine Meinung, die nicht erst der Bestätigung
durch eine
Volksabstimmung bedurfte. Und dass dies meine Meinung ist, können
Sie ruhig
Ihren Ostpreußen in einer öffentlichen Versammlung in
Königsberg zur Beruhigung
mitteilen.“ Gause
sieht in diesem Bekenntnis einen nationalen Solidaritätsbeweis. Er
umreißt die
Bedeutung des friedlichen Sieges für Deutschland mit folgenden
Worten: „Man
hatte den Experten in Versailles und der ganzen Welt bewiesen, dass die
Propaganda vom polnischen Charakter der Abstimmungsgebiete nicht der
Wahrheit
entsprach, dass Sprache und Nationalität im Osten nicht
überein zu stimmen
brauchten, dass die Zugehörigkeit zu einer Nation nicht von der
Sprache abhing,
sondern auf einem Bekenntnis beruhte, genau wie die Zugehörigkeit
zu einer
Konfession. Dieses Bekenntnis, das die Preußen damals ablegten,
war nicht
allein ein Bekenntnis zur alt gewohnten preußischen Ordnung,
für die man nicht
die labilen Zustände eines neu entstandenen polnischen Staates
eintauschen
wollte, sondern war ein Gelöbnis, dass man ein Teil des deutschen
Volkes war
und bleiben wollte.“ Die
Abtrennung vom Mutterland bedeutete nicht nur eine geographische,
sondern auch
eine wirtschaftliche Isolation, die nur mit großer
Unterstützung aus Mitteln
des Reichshaushaltes auszugleichen war. So führte beispielsweise
die „Deutsche
Ostmesse“ in Königsberg zu einer Belebung des Handels. Von Pillau
nach
Swinemünde schuf man eine neue Verbindung über See unter dem
Namen „Seedienst
Ostpreußen“. Später wurde sie auf Zoppot, Travemünde,
Kiel und Helsinki
ausgedehnt. Königsberg erhielt einen Flughafen, der die
Luftverkehrsverbindungen mit Berlin, Stockholm und Moskau sicherstellte
und den
Eisenbahnverkehr erheblich entlastete. Es
konnte nicht ausbleiben, dass die von einer politischen Minderheit
autoritär
geführte Massenbewegung des Nationalsozialismus auch in
Ostpreußen Fuß fasste.
Gause berichtet darüber: „Man betrachtete die neue Bewegung mit
Misstrauen und
Unbehagen, denn es war viel Unpreußisches an ihr. Man war in
Ostpreußen
konservativ oder liberal oder auch sozialistisch, das alles war
preußisch.
Unpreußisch waren aber der nationalsozialistische
Überschwang und die
totalitäre Menschenführung, die die neue Partei
verkündete. Wenn sie trotzdem
auch in Ostpreußen zahlreiche Anhänger gewann, dann deshalb,
weil die
abgeschnittene Provinz in besonderer Weise von den unheilvollen Folgen
der
Versailler Grenzziehung, der Weltwirtschaftskrise und dem Anwachsen des
Kommunismus betroffen wurde und die NSDAP lautstark und wirksam diese
Bedrohung
zu beseitigen versprach.“ Die
Hoffnung auf eine bessere Zukunft wurde genährt durch die
Anfangserfolge, die
die neue Regierung für sich verbuchen konnte. Der Osthandel erfuhr
eine weitere
Aktivierung. Die Ostmesse des Jahres 1934 übertraf die des
günstigen
Konjunkturjahres 1928 bei weitem. Auch außenpolitische Erfolge
hatten ein
positives Echo. Durch den Freundschaftsvertrag mit Polen vom 26. Januar
1934
war die polnische Bedrohung beseitigt und durch den Vertrag mit Litauen
vom 22.
März 1939 war das Memelgebiet an das Deutsche Reich
zurückgegeben worden. Während
des Krieges war Ostpreußen lange die Befehlszentrale für den
Ostfeldzug. Das
Führerhauptquartier Wolfsschanze war im Stadtwald von Rastenburg,
das
Auswärtige Amt in Jägerhöhe bei Angerburg, die Oberste
Heeresleitung im
Mauerwald, das Oberkommando der Luftwaffe bei Breitenheide. Drei Jahre
nachdem
Hitler im Sommer 1941 den Angriff auf die Sowjetunion befahl, hatte
sich das
Bild umgekehrt. Der russischen Feuerwalze war es gelungen, sich bis an
die
deutsche Ostgrenze heran zu schieben. Während die russischen
Angriffe noch
einmal vor der ostpreußischen Grenze gestoppt werden konnte,
versuchten die
westlichen Alliierten durch grausame und unmenschliche Handlungen die
Moral der
deutschen Zivilbevölkerung zu untergraben. In den Nächten vom
26. zum 27. und
vom 29. zum 30. August 1944 griff die Royal Air Force Königsberg
an. Die
Angriffe richteten sich fast ausschließlich gegen die
Zivilbevölkerung. Über
4.200 Menschen kamen in den Bombenangriffen ums Leben. Die Innenstadt
von
Königsberg wurde fast vollständig zerstört und über
200.000 Menschen wurden
obdachlos. Im
Oktober 1944 stieß die Rote Armee über die Goldap bis zur
Angerapp vor. Zu spät
eingeleitete Evakuierungsmaßnahmen der politischen Behörden
bewirken, dass die
Bevölkerung von der Roten Armee überrollt und maßlosen
Grausamkeiten ausgesetzt
wurde. Als dann am 13. Januar 1945 7 Armeen mit ca. 55 Divisionen der
3.
Weißrussischen Front nördlich Gumbinnen die deutschen
Abwehrstellungen
durchbrachen und in Richtung auf die Hauptstadt Ostpreußens
vorstießen, zwei
Tage später 55 weitere Divisionen der 2. Weißrussischen
Front mit starken
Panzerkräften zum Großangriff auf die Weichselmündung
antraten und mit der
Einnahme der Städte am Frischen Haff die Landverbindungen zu den
Gebieten
westlich der Weichsel abschnitten, gab es nur noch den verzweifelten
Ausweg der
Flucht über die in jenen Tagen von winterlichen Unbilden
gekennzeichnete
Ostsee. Es
ist das Verdienst der deutschen Marine in fast auswegloser Situation,
unter
ständiger Feindgefährdung, im improvisierten Einsatz und mit
beispielloser
Opferbereitschaft unzählige Menschen der hilflosen
Bevölkerung Ost- und
Westpreußens und später auch Pommerns durch die
größte Seetransportoperation
der Geschichte gerettet zu haben. Nach Schätzungen waren es
über 3 Millionen,
darunter vor allem Frauen, Kinder, Greise und Verwundete, die auf diese
Weise
vor einem furchtbaren Schicksal bewahrt werden konnten. Die nachweisbar
registrierte Größenordnung überschreitet die
Zwei-Millionen-Grenze. Mit
unvorstellbarer Grausamkeit ging die Rote Armee während der
Besetzung gegen die
wehrlosen Zivilisten vor, die in ihre Hände fielen. Obgleich es in
Ostpreußen
nie einen Partisanenkrieg von deutscher Seite gegeben hat, sind
ungezählte
friedliche Menschen bei und nach dem Einbruch der Sowjettruppen in
viehischer
Weise umgebracht worden, mehr noch an Hunger und Seuchen gestorben.
Nicht
gering war auch die Zahl derer, die einen freiwilligen Tod den Qualen
der
Gefangenschaft vorzogen. Was die Überlebenden auf der Flucht bei
Schnee und
Frost auszuhalten hatten, übersteigt jede Vorstellungskraft. Alles
war dem
Zufall anheim gegeben, ob jemand ermordet wurde oder am Leben blieb, ob
er in
ein Lager geschleppt und von dort nach Rußland gebracht wurde
oder ob er in
seinem Dorf bleiben konnte, ob er Hungers starb oder auf irgendeine
Weise sich
am Leben erhalten konnte. Nüchterne Zahlen mögen das
unmenschliche Elend
verdeutlichen. Ostpreußen hatte einschließlich des
Regierungsbezirks
Marienwerder und des Memellandes 1939 etwa 2.653.000 Einwohner. Von
ihnen haben
sich 1.430.000 auf die Flucht begeben. Von 1939 bis 1950 haben durch
Kriegseinwirkung, Mord, Hunger oder Verschleppung etwa 614.000 das
Leben
verloren, davon 200.000 Wehrmachtsangehörige. Da der Bombenterror
des
Luftkrieges insgesamt 593.000 Todesopfer gefordert hat, sind also in
Ostpreußen
in dieser Zeit etwa 20.000 Menschen mehr umgekommen als durch den
Luftkrieg in
ganz Deutschland in sechs Jahren. Die Bevölkerung
Ostpreußens verlor 23 % ihres
Bestandes. Als
die Waffen ruhten, gerieten über 500.000 Ostpreußen unter
sowjetische
Herrschaft. Gause spricht allein von 100.000 Königsbergern, die in
der
Provinzhauptstadt zurückblieben, davon seien 70.000 verhungert
oder an
Entbehrungen gestorben. Entsprechend den Beschlüssen der
Alliierten auf den
Konferenzen von Teheren und Jalta wurden die Deutschen ostwärts
der
Oder-Neiße-Linie ausgetrieben. Im Sommer 1945 setzt die erste
Vertreibungswelle
vor allem aus dem Hinterland der von der Roten Armee besetzten
deutschen
Ostgebiete ein. Die Vertreibungen gingen systematisch, aber lange Zeit
völlig
unorganisiert und ungeregelt vonstatten. Ihr Übergreifen auf immer
weitere
Gebiete erfasste schließlich auch den Süden
Ostpreußens. Die
unter menschenunwürdigen Bedingungen vorgenommenen
Massenaustreibungen im
südlichen Ostpreußen - innerhalb weniger Tage hatten die
deutschen Bewohner
ihre Häuser zu verlassen und sich ohne genügenden Proviant
und nur mit
notwendigstem Reisegepäck versehen nach Westen abzusetzen -
stellten einen
Vorgang dar, der in der neueren Geschichte seinesgleichen sucht. Sie
verfolgten
allein das Ziel, noch vor der Potsdamer Konferenz eine Grenzzone zu
schaffen,
die frei von Deutschen war. Stalins Behauptung in Potsdam, die
Deutschen hätten
das von der Roten Armee besetzte Gebiet verlassen, entsprach nicht den
tatsächlichen
Verhältnissen. Zwar war ein Teil der deutschen Bevölkerung -
wie bereits
dargestellt - evakuiert worden, ein anderer Teil konnte sich vor der
anrückenden russischen Armee durch die Flucht in Sicherheit
bringen, jedoch
blieb ein großer Teil an Ort und Stelle. Viele Geflüchtete
kehrten nach
Einstellung der Kampfhandlungen in ihre Heimat zurück. So wurden
die Alliierten
in Potsdam mit in Ostdeutschland begangenen Verbrechen konfrontiert,
ohne sich
in der Lage zu sehen, diesen Verbrechen Einhalt zu gebieten. Ein
„Plan zur Überführung der Deutschen“ (17. Oktober 1945) durch
den Kontrollrat
und andere Abkommen regelten dann die Vertreibung in geschlossenen
Transporten.
Daneben gab es Einzelabwanderungen. Die systematischen
Massenaussiedlungen
dauerten im allgemeinen bis Ende 1947. Später kam es noch zur
Vertreibung
Volksdeutscher aus dem ehemals polnischen Staatsgebiet und Deutscher
aus dem
sowjetisch verwalteten nördlichen Ostpreußen. © 2009
Landsmannschaft Ostpreußen e.V.
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