Kreisgemeinschaft Ortelsburg

Masuren: Preußen, Deutsche oder Polen?
Gerd Bandilla

In seinem beim Harrassowitz Verlag Wiesbaden im Jahre 2001 erschienenen Buch stellt Andreas Kossert die Frage „Masuren: Preußen, Deutsche oder Polen?" Leider wird meines Erachtens in dem Buch diese Frage nicht vollständig beantwortet.
Mit der nachstehenden Schilderung möchte ich den Versuch wagen, diese Frage meinerseits zu beantworten. Vorausschickend muss gesagt werden, dass die Volkszugehörigkeit eines Menschen, im Gegensatz zur Staatsangehörigkeit, die anhand von Paragraphen feststellbar ist, objektiv nicht nachprüfbar ist. Die Sprache ist ein Indiz, aber letztlich nicht ausschlaggebend. Ist denn ein Kind deutscher Eltern, das in fremder Umgebung aufgewachsen ist und kein Wort deutsch spricht, etwa nicht deutsch? Ist ein Ausländer, der perfekt deutsch spricht, deshalb Deutscher? Man ist das, als was man sich fühlt.
Die Masuren waren im 16. Jahrhundert Polen, sie fühlten sich im 20. Jahrhundert aber zweifelsfrei als Deutsche, wie jeder andere Bewohner Ostpreußens.

Was ist Masuren?
Masuren ist ein Landstrich im südlichen Ostpreußen, bestehend aus den Kreisen Osterode (Ostroda), Neidenburg (Nidzica), Ortelsburg (Szczytno), Sensburg (Mragowo), Lötzen (Gizycko), Johannisburg (Pisz), Lyck (Elk) und Treuburg (Olecko).
Masuren gehört heute zur polnischen Wojewodschaft „Ermland und Masuren" („Warmia i Mazury").

Wer waren die ursprünglichen Bewohner Masurens?
Bis zum 13. Jahrhundert wurde Masuren von den prussischen Stämmen der Sassen, der Galinder und der Sudauer (poln. Jacwingowie) bewohnt. Die Prussen gehörten zur baltischen Völkerfamilie, wie heute noch die Litauer und Letten. Sie waren heidnisch.

Der Deutsche Ritterorden (Krzyzacy)
Schon vor dem Erscheinen des Deutschen Ritterordens wurden vergeblich Versuche unternommen, die Prussen zum Christentum zu bekehren. Genannt seien: Der Hl. Adalbert (polnisch Wojciech) Märtyrertod 23.4.997, Bruno von Querfurt Märtyrertod 9.3.1009, der polnische König Kasimir der Gerechte (Kazimierz Sprawiedliwy) 1192 und der Bischof Christian von Preußen (1215 ernannt).
Im Winter 1225/26 erfolgte der Hilferuf des Herzogs Konrad von Masowien (Mazowsze) an den Deutschen Ritterorden, die Prussen zu bekehren. Die künftigen Eroberungen des Ritterordens wurden abgesichert durch die Kaiserliche Goldene Bulle von Rimini (März 1226), das Privileg von Kruschwitz /Kruszwica (Juni 1230) und die Päpstliche Bulle von Rieti (3.8.1234). Es gibt Streit zwischen deutschen und polnischen Historikern, ob die vorgenannten Urkunden echt oder gefälscht sind. Hartmut Boockmann „Ostpreußen und Westpreußen", Seite 100: ......der gegenwärtige Stand der Diskussion ist, dass der beste polnische Kenner dieser Dinge entschieden meint, alle in der langen Diskussion untersuchten Urkunden seien echt - bis auf die von Kruschwitz.....".
Der Deutsche Ritterorden hat insgesamt 52 Jahre (1231 - 1283) gebraucht, um die Prussen zu bekehren bzw. zu besiegen. Die letzten, die sich ergaben, waren die Sudauer. Man rechnet, dass ein Drittel der Prussen bei den Kämpfen umgekommen ist. Ein weiteres Drittel floh nach Osten, und das letzte Drittel hat sich im Laufe der Jahre mit den eingewanderten Deutschen assimiliert. Es entstand der Ordensstaat, der nur dem Kaiser und dem Papst unterstand.


Die Große Wildnis

Nach der Niederwerfung der letzten Prussen (1283) entstand entlang der Süd- und Ostgrenze des Ordensstaates ein menschenleeres Gebiet, Große Wildnis genannt. Dieses Gebiet wurde später wiederbesiedelt. Diese Wiederbesiedlung dauerte länger als 2 Jahrhunderte. Es entstanden zunächst Burgen, 1316 Gilgenburg (Dabrowno), 1341 Lötzen (Gizycko), 1345 Johannisburg (Pisz), 1349 Hohenstein (Olsztynek), 1360 Ortelsburg (Szczytno), 1398 Lyck (Elk).
Die Dörfer z.B. im Kreis Lyck wurden im Wesentlichen erst im 15. und 16. Jahrhundert (1465 bis 1566) gegründet. Die Siedler kamen vor der Reformation (1525) aus dem benachbarten Masowien,es waren also Polen. Nach der Reformation im Zuge der polnischen Gegenreformation waren es Glaubensflüchtlinge aus ganz Polen, vorwiegend aus der Krakauer Gegend, die nicht wieder katholisch werden wollten, sondern in das protestantische Preußen auswanderten. Der bekannteste unter Ihnen ist der Erzpriester Johann Maletius (Jan Malecki).


Masuren also Polen

In der Tat wurde die Große Wildnis mit Polen wiederbesiedelt. Natürlich gab es dort auch von Anfang an Deutsche. Das waren zunächst die herzoglichen Beamten, aber auch Bürger in den Städten (Kaufleute und Handwerker). In der „Willkühr" (heute würde man Hauptsatzung sagen) der Stadt Lyck aus dem Jahre 1670 wurde bestimmt, dass kein „Undeutscher" im Rat und Gericht aufgenommen werden dürfe.

Die Reformation
In Preußen wurde 1525 die Reformation eingeführt, gleichzeitig wurde Preußen ein weltliches Herzogtum.
Der Reformator Martin Luther bestimmte, dass jedem Volk das Evangelium in seiner Sprache verkündet werden soll. So wurde in den Kirchen Masurens polnisch gepredigt. Daneben wurde aber in Lyck bereits im Jahre 1587 auch die deutsche Predigt eingeführt. 1544 wurde die Universität in Königsberg gegründet. Die Vorbereitung für die Studienaufnahme war ungenügend. Deshalb wurde bereits im Jahre 1587 in Lyck eine „Partikular-Schule für die „Unterweisung der Knaben in polni
scher Sprache" gegründet.
Die Verwaltungsbezirke im südlichen Ostpreußen nannte man die „polnischen Ämter".

Das Abwenden vom Polentum
Durch die Reformation wurden die Polen in Preußen evangelisch. Die Polen im eigenen Land blieben katholisch. Wenn auch Preußen von 1525 bis 1657 unter polnischer Lehnsherrschaft stand, so bedeutete damals die Konfessionsverschiedenheit voneinander eine stärkere Absonderung als die unterschiedliche Volkszugehörigkeit. Aber besonders seit dem so genannten Tatareneinfall im schwedisch-polnischen Krieg wollten die Masuren keine Polen sein. „My nie Polaki, my Prusaki!" („Wir sind keine Polen, wir sind Preußen!") Die Tataren waren polnische Hilfstruppen, die imHerbst 1656 in Masuren schrecklich gewütet haben. Max Toppen (1870) schreibt: „13 Städte, 249 Dörfer, Flecken und Höfe nebst 37 Kirchen wurden eingeäschert".
Die Masuren erkannten, dass sie Schutz nur vom brandenburgischen Kurfürsten (seit 1660 auch souveräner Herzog von Preußen) bzw. später vom preußischen König (seit 1701) zu erwarten hatten.

Die Repeuplierung
Nach der Großen Pest der Jahre 1708-10 wanderten in Masuren im Zuge der so genannten Repeuplierung (Wiederbesiedlung) Deutsche ein, besonders Nassauer und Hessen sowie im Zuge der Binnenwanderung auch Salzburger. So kam beispielsweise die Familie Nielauß Erdt 1740 von Hessen-Kassel nach Barranen, Kr. Lyck.
Namen wie Feuersenger, Holzlehner, Moslehner, Oberpichler, Vogelreiter, Wenghöfer und viele andere, die im Kreis Lyck vertreten waren, deuten auf eine Salzburger Herkunft hin.

Das Schulwesen
1717 wurde in Preußen die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Das führte, insbesondere auf dem Lande, gegenüber dem benachbarten Polen zu einem verbesserten Bildungsstand. Ab 1810 wurde auf dem Lycker Gymnasium muttersprachlicher Unterricht in Deutsch erteilt. Das Polnische wurde Fremdsprache. In den Volkschulen wurde allerdings noch bis zum Jahre 1873 polnisch gelehrt. Die Masuren haben sich, abgesehen von Einzelfällen, nicht gegen den Wechsel gewehrt. Sie wussten, dass man bei Beherrschung der deutschen Sprache berufliche und wirtschaftliche Vorteile hatte. Die Pastoren Thimotheus Gisevius und Christoph Cölestin Mrongovius waren keine „Kämpfer für das Polentum", sondern haben sich für den Erhalt der Gottesdienste in polnischer Sprache eingesetzt. Die Gottesdienste wurden, natürlich neben dem deutschen, teilweise noch bis zum Jahre 1939 auch in Polnisch gehalten.

Die Erweckung des „polnischen Bewusstseins"
In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts hatten Versuche, polnische Zeitungen und politische Parteien in Masuren zu gründen, nur einen sehr geringen Erfolg. Die Versuche wurden meistens nicht von Ortsansässigen, sondern von Nationalpolen aus Posen und Warschau unternommen. In aller Regel gingen die Zeitungen wegen zu niedriger Abonnentenzahl bald wieder ein. Die Kandidaten der Masurischen Volkspartei erhielten nie einen Abgeordnetensitz.

Der technische Fortschritt
In Masuren erfolgten, wie im ganzen Deutschen Reich, besonders in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein technischer Fortschritt und infolgedessen auch ein wirtschaftlicher Aufschwung. In der Landwirtschaft wurde die Dreifelder-Wirtschaft abgeschafft und die Wiesen entwässert. Anstelle von Holzhäusern baute man Häuser aus Stein.
Im russischen Polen jenseits der Grenze stagnierte alles. Die Bevölkerung war ärmer. Der Grad des Analphabetentums war hoch.
Das alles (Reformation, Tatareneinfall, höherer Bildungsgrad und technischer Fortschritt) hat dazu geführt, dass die Masuren absolut keine Polen sein wollten. Keinen besseren Beweis für diese These liefert:

Die Volksabstimmung im Jahre 1920
Auf Grund des Versailler Friedensvertrages fand in Masuren am 11.7.1920 eine Volksabstimmung unter alliierter Kontrolle statt. In den masurischen Kreisen wurden 279.729 Stimmen für „Ostpreußen" (= 99,3 %) und nur 1.978 (= 0,7 %) Stimmen für „Polen" abgegeben. In der polnischen Literatur wird dieses Ergebnis selten konkret erwähnt. Es wird im Allgemeinen nur gesagt, dass die Abstimmung für Polen mit einer Niederlage endete, und diese wird überwiegend mit „deutschem Terror" begründet. Tatsächlich war die Stimmung vor der Abstimmung so eindeutig prodeutsch, dass jeder Polen-Propagandist, der in einem masurischen Dorf auftretenwollte, Prügel riskierte.

Die Sprache
Die masurische Sprache ist ein alt-polnischer Dialekt mit vielen Germanismen. Sie war nie Schriftsprache. Das Masurische ging immer weiter zurück. Nach der Sprachenstatistik sprachen masurisch: 1831 = 87,4 %, 1861 = 73,9 %, 1890 = 62,2 %, 1900=56,7%, 1910 = 47,5 % und 1925 nur noch 16,6 % der Bevölkerung. Der massive Rückgang von 1910 nach 1925 lässt sich damit erklären, dass nach der Volksabstimmung von 1920 die meisten deutsch sein wollten. Masurisch sprachen nur die alten Bewohner.
Im „Dritten Reich" war die masurische Sprache nicht verboten, aber verpönt. Sie unterlag einer gewissen Selbstkontrolle. Vielfach wurde einem masurisch Sprechenden gesagt: „Sprich nicht polnisch, wir sind treudeutsch!"

Die Wahlen
Die königstreuen Masuren wählten in aller Regel konservativ. Nach Abschaffung der Monarchie im Jahre 1918 wurde die Deutsch-Nationale Volkspartei stärkste Partei. 1932/1933 wurde die NSDAP in sehr hohem Maße gewählt. In Neidenburg und Lyck erhielt diese Partei über 80 % der Stimmen. Man wählte diese Partei nicht, weil man nationalsozialistisch eingestellt war, sondern weil man in Adolf Hitler eine Art „Ersatz-Kaiser sah, der mehr als die demokratischen Parteien Masuren vor polnischen Gebietsansprüchen schützen würde.

„Abstimmung mit Füßen"
Soweit die Bevölkerung insbesondere des östlichen Masurens nicht schon im Herbst 1944 evakuiert wurde, mussten alle Menschen im Januar 1945 vor der sich nähernden sowjetischen Front flüchten. Der Mehrzahl, aber nicht allen, gelang die Flucht über Land oder per Schiff in den Westen. Etliche, insbesondere im Raum Allenstein und Sensburg, wurden von der Front überrollt. Einige, denen die Flucht gelang, sind nach Beendigung der Kriegshandlungen in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Zahl der unmittelbar nach dem Kriege im südlichen Ostpreußen lebenden Menschen wird auf ca. 100.000 geschätzt. Sie hatten ein schweres Schicksal. Diejenigen, die partout nicht für Polen optieren wollten, wurden bereits in den Jahren 1945/46 nach Deutschland ausgewiesen. Die Mehrzahl der Verbliebenen siedelte in den Jahren 1956-58 im Zuge der so genannten Familienzusammenführung nach Deutschland aus, weil ihnen das Leben in der jetzt polnisch gewordenen Heimat unerträglich erschien. Endgültig in Polen zurückgeblieben ist höchstens l % der ursprünglichen Einwohner.

Wo sind die Masuren geblieben?
Die Abkömmlinge der Masuren in Deutschland betrachten sich selbstverständlich als Deutsche. Abgesehen von den Spätaussiedlem verstehen sie auch kein polnisch. Und selbst die in Polen lebenden Masuren sehen sich als Deutsche. Die von ihnen nach der politischen Wende gegründeten Vereine sind keine Vereine der „masurischen", sondern der deutschen Minderheit. Eine Ausnahme bildet vielleicht die von Tadeusz Siegfried Willan in Kruttinnen geführte „Masurische Gesellschaft", deren Mitglieder sich weder als Deutsche noch als Polen, sondern als Masuren fühlen.


Stand 06.06.2009